Schülerhilfe Majalogo

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Sommer 2017

 

 

 

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Moderation der Bildungsmesse vom 17. November 2016

Multiple Choice: Neuköllner Bildungsmesse zeigt Möglichkeiten für die Zeit nach der Grundschule auf

nbh-bildungsmesse-neukoellnWenn Berliner Kinder die Grundschule nach der 6. Klasse verlassen, stehen ihre Eltern vor der Entscheidung, ob der Nachwuchs eine Gesamtschule, ein Gymnasium oder eine andere Oberschule besuchen soll. Um Eltern und Kindern bei fragenkasten_karlsgartenschule_bildungsmesse-schillerkiez_neukoellnder Beantwortung dieser Schicksalsfrage ein wenig zu helfen, gab es in der Neuköllner Karlsgarten-Grundschule kürz-lich unter dem Titel „6. Klasse und dann?“ erstmals eine Bildungsmesse.

Für rund 2.000 Schülerinnen und Schüler in Neukölln beginnt im Sommer mit dem Übergang in die 7. Klasse ein neuer Lebensabschnitt. Auch auf das Leben der Eltern wirkt sich die Schulwahl der Kinder aus. Schulleiterin Mallon aus der Karlsgarten-Grundschule und Direktorin Kullick vom Albert-Schweitzer-Gymnasium kamen deshalb auf die Idee, eine Bildungsmesse zu initiieren. Mit der Umsetzung wurde die Koordinatorin des Bildungsverbundes im Schillerkiez, Azra vardar_karlsgartenschule_bildungsmesse-schillerkiez_neukoellnVardar (l.), beauftragt, die bereits Eltern beim Übergang von Kita zu Grundschule unterstützt. Sie setze die Aufgabe in Zusammenarbeit mit Mahi Christians-Roshanai von der Schülerhilfe Maja, die die beiden Podien moderierte, in die Praxis um.

Acht Oberschulen waren mit ihren Schulleitungen auf die Bühne der Karlsgartenschule gekommen, um in zwei Fragestunden zunächst den Schülern und später ihren Eltern Auskunft zu geben. Bildungsstadtrat Jan-Christopher Rämer sprach zur Eröffnung der Bildungsmesse ein Grußwort und lobte das Projekt ausdrücklich.

Im Flur vor der Aula standen viele Info-Tafeln über die Neuköllner Oberschulen. Schülerinnen und Schüler aus 6. Klassen der Karlsgartenschule hatten an verschiedenen Oberschulen hospitiert und anschließend Plakate gefertigt. Eine Schülerin war beispielsweise zwei Stunden lang beim Englisch- und Mathematik-Unterricht einer 7. Klasse der Otto-Hahn-Oberschule und besuchte zwei Mathematikstunden im Albrecht-Dürer-Gymnasium. Fragen an die Schulleitungen konnten auch schriftlich gestellt und in einen Kasten eingeworfen werden. Zur sprachmittler_karlsgartenschule_bildungsmesse-schillerkiez_neukoellnUnterstützung der Eltern hatte die Taschengeld-firma einen Stand eingerichtet, an dem Sprachmittler für Arabisch, Türkisch, Kurdisch und Rumänisch warteten.

„Beim Fußball sind wir so ziemlich unschlagbar“, berichtete Rektor Koglin aus der Otto-Hahn-Ober-schule den Grundschülern: „Sport und Kopfarbeit, das harmoniert wunderbar.“ Rektor Knauer-Huckauf von der Evangelischen Schule Neukölln überraschte mit der Aussage, dass nicht nur evangelische, sondern auch konfessionslose und muslimische Jugendliche seine Schule besuchen. Er schränkte aber ein: „Die Teilnahme am Religionsunterricht ist verpflichtend. Wer sich nicht für Religion interessiert, ist bei uns falsch in der Schule.“ Viele Fragen, die an die Direktoren der Gymnasien gerichtet waren, betrafen das Probehalbjahr und den für die Aufnahme erforderlichen Notendurchschnitt. Die Lehrer der anderen Schulen wiesen vor allem in der Elternfragestunde daraufhin, dass ein beruflicher Erfolg auch ohne Abitur möglich sei. Zudem gebe es im deutschen Schul- und Bildungssytem viele Möglichkeiten, das Abitur nachzuholen. „Jedes Kind hat seine raemer_karlsgartenschule_bildungsmesse-schillerkiez_neukoellnStärken. Manchmal ist es nur schwierig, diese Stärken schnell genug heraus zu bekommen“, erklärte Rektor Dreher von der Kepler Oberschule.

„Gehen Sie zum Tag der Offenen Tür in die Schule. Besuchen Sie mehrere Schulen. Erstellen Sie eine kleine Check-Liste. Informieren Sie sich über die Angebote der verschiedenen Oberschulen im Internet!“, riet Azra Vardar am Ende der Veranstaltung noch einmal den zahlreich erschienenen Eltern. Fazit der gelungenen Veranstaltung: Bildungserfolg ist nur möglich, wenn alle Beteiligten zusammenarbeiten, und das Schulklima ist dabei das Wichtigste überhaupt.

Webseiten der Schulen, die mit ihren Schulleitungen auf der Bildungs-messe vertreten waren:
Albert Einstein Gymnasium: http://www.aeo.de
Albert Schweizer Gymnasium: http://www.die-schweitzer.de/home
Alfred Nobel Schule: http://www.alfred-nobel-schule.de
Campus Rütli: http://campusruetli.de
Ernst Abbe Gymnasium: http://www.ernst-abbe.de
Evangelische Schule: http://homepage.evangelische-schule-neukoelln.de
Kepler Schule: http://www.kepler.cidsnet.de
Otto Hahn Schule: http://www.oho-berlin.de/

Christian Kölling

 

 Artikel im Rahmen der Fraktionsarbeit von 2011 bis 2015

 

 

 

 

Aus dem Facettenmagazin

Hilfe anbieten, ohne Scham zu bewirken

aktion alpha-kompetenz_berlin-neuköllnMeist reichen schon Kleinigkeiten, damit  Unbehagen in Angst umschlägt: mit Schriftstücken übersäte Schau- fenster oder Kugelschreiber und Formulare direkt neben der Eingangstür. Es sind Signale, die abschreckend wirken – auf alle, die nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben können. Also auf etwa 28.000 Men- schen, die in Neukölln leben, oder mehr als 300.000 Berliner. Gedanken über die Wirkung solcher Alltäg- lichkeiten macht sich aber kaum jemand, weil das Thema Analphabetismus im Bewusstsein derer, die lesen und schreiben können, häufig die Relevanz einer Marginalie hat. Zu unvorstellbar ist ein Leben in einer Parallelwelt ohne diese Fertigkeiten.

So ergeht es zum Leidwesen der Betroffenen auch vielen, die bei ihrer Arbeit in sozialen oder kulturellen Einrichtungen, Ämtern, Arztpraxen und medizinischen Bera- tungsstellen häufig mit funktionalen An-Alphabeten zu tun haben. Insoweit unter- scheidet Neukölln sich nicht von anderen Berliner Bezirken – und Regionen Deutsch- lands. Durch das Engagement des Alpha-Bündnisses Neukölln hat hier jedoch ein Umdenken eingesetzt, das – so wenigstens ist es beabsichtigt – immer weitere Kreise ziehen soll. Inzwischen wurden Mitarbeiter von rund 30 Institutionen im Be- lesen und schreiben e.v., neukölln,weltalphabetisierungstag, aktionsbündnis alphabetisierung und grundbildung neuköllnzirk in Sachen Alpha-Kompetenz geschult.

Eine typische Laufbahn zur erfolgreichen Umsetzung der Intention hat Mahi Christians-Roshanai mit der Schülerhilfe Maja eingeschlagen, die seit 14 Jahren unweit des S-Bahnrings individuelle Nachhilfe von der Grundschule bis zum Abitur anbietet. Zuerst habe man als Alpha-Bündnis-Partner an dessen Plenen teilgenommen und dann an einer Alpha-Kompetenz-Schulung, bei der zusammen mit Lernern, d. h. ehemaligen Analphabeten, ein Konzept entwickelt wurde, das “sich an die Bedürfnisse der Zielgruppe richtet und realistisch umgesetzt werden kann.” Die Sensibilität für das Thema An-Alphabetismus sei bereits vorher vorhanden gewesen, die Fortbildung aber habe bewirkt, “dass ich noch sensibler auf mein Umfeld achte und dem Thema noch respektvoller gegenüberstehe”, beschreibt Mahi Christians-Roshanai den Prozess. Etwa 50 Prozent der Eltern ihrer Schüler, die aus ganz Neukölln kommen, könnten nicht oder nicht richtig lesen und schreiben, schätzt sie: “Ich weiß jetzt, wie ich Hilfe anbiete, ohne Scham zu bewirken. Die Angebote an die Eltern habe ich ausgeweitet, um sie im Alltag zu unterstützen. In plenum alpha-bündnis neuköllnden Unterricht in- tegriere ich das Thema, weil ich die Schü- ler*innen sensibilisieren möchte.”

Neben 10 anderen Einrichtungen im Bezirk bekam auch die Schülerhilfe Maja inzwi- schen den Alpha-Kompetenz-Aufkleber ver- liehen, ein Gütesiegel mit prägnanter Au- ßenwirkung, Symbolkraft und dem State- ment “Wir helfen beim Lesen und Schrei- ben”, das vom Alpha-Bündnis Neukölln entwickelt wurde. “Die Schüler und Eltern freuen sich über den aufgeschlossenen Umgang mit dem Thema”, so Mahi Christians-Roshanai, “erzählen es weiter, und jeder, der an meiner Schülerhilfe Maja vorbeikommt und zur Zielgruppe gehört, weiß, dass er herzlich willkommen ist und offen empfangen wird.” So soll es sein, ist es aber nicht überall.

Bisher habe es noch keinerlei Reaktionen auf den grün-rot-weißen Sticker gegeben, der am Vor-Ort-Büro des QM Richardplatz Süd klebt, bedauert Quartiersmanagerin Suzan Mauersberger. Zusammen mit Lernern vom Lesen und Schreiben (LuS) e. V. hat die Einrichtung eigens einen Flyer in leichter Sprache entwickelt, der Menschen mit leichte sprache-flyer_alpha-bündnis neuköllnAlphabetisierungsdefiziten die Ar- beit des Quartiersmanagements nebst der Mitwirkungsmöglichkeiten für Anwohner beschreibt. Für im Umgang mit der Schriftsprache Ge- übte sieht er zunächst etwas be- fremdlich aus: Längere Wörter sind mit Trennungsstrichen gegliedert, vie- le Satzfragmente wiederholen sich. “Lernerschrift ist redundant”, erklärt eine LuS-Mitarbeiterin. Beim Nach- barschaftszentrum Wutzkyallee hat die neu erworbene Alpha-Kompetenz erstmals dazu geführt, dass ein Infozettel für eine Veranstaltung “zweisprachig” bedruckt wurde. “Wir haben es ohne die Unterstützung von Lernern probiert und fragen uns nun: Ist das Erstklässlersprache oder passt das?”, lauten die Zweifel an dem Experiment. farben lesen_phänomena_neukölln arcadenSie konnten entkräftet werden.

Bei anderen Einrichtungen, die Träger des Alpha-Aufklebers sind, steht die praktische Umsetzung des Anspruchs, die Hürden für Menschen mit einer Lese- schwäche zu reduzieren, noch auf der Agenda: Im Büro der Bürgerhilfe Berlin e. V. in der Neuköllner Aller- straße, das bei Wohnungsnotfällen eingreift, entstand die Idee, funktionalen An-Alphabeten das Verstehen von Beschriftungen, Informationsbroschüren und Anträ- gen durch bildsprachliche Symbole zu erleichtern. So weit ist man im Bezirksamt noch nicht. “Bisher haben nur die Volkshochschule Neukölln und die Stadtbib- liothek an der Schulung teilgenommen”, informiert Bildungsstadträtin Dr. Franziska Giffey. Aber sie werbe bei den Abteilungen der Behörde bereits intensiv für eine Teil- nahme an der Alpha-Kompetenz-Fortbildung und der Sensibilisierung der Mitar- beiter für die Bedürfnisse von An-Alphabeten: “Da ist noch viel Schulungspotenzial bei den Kollegen.”

=ensa=